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Der Bundesrat hat sich am Mittwoch für eine zweite Röhre am Gotthard entschieden. Hinter den Kulissen zog vor allem einer die Fäden: Filippo Lombardi, CVP-Ständerat aus dem Kanton Tessin.

Gäbe es keine wirtschaftlichen, geographischen oder sicherheitsrelevanten Aspekte, mit denen man den Bau einer zweiten Röhre rechtfertigen könnte, hätte Ständerat Filippo Lombardi (CVP, TI) ein anderes stichhaltiges Argument parat: Ein Drittel der Fans des HC Ambri Piotta, dem von Lombardi präsidierten Traditionsclub in der Leventina, stammen aus der Zentralschweiz. «Eine dreijährige Schliessung des Gotthardtunnels, wie dies während einer Sanierung ohne zweiten Tunnel der Fall wäre, würde das finanzielle Aus des Hockeyclubs bedeuten», sagt er.

Als Präsident und Retter eines Vereins, der sportlich und finanziell gegen den Abstieg kämpft, weiss Lombardi, wie man in einer schwierigen Situation mit einem geschickten Powerplay eine Partie noch zu seinen Gunsten entscheiden kann. Lombardi sei eben der Typ, der sich von Schwierigkeiten nicht abschrecken lasse, beschreibt ihn der Tessiner FDP-Nationalrat Ignazio Cassis. Seine Bemühungen als Präsident des HC Ambri Piotta würden ihm im Kanton hoch angerechnet.

Die Tessiner brachten den Umschwung

Genauso engagiert wie als Hockey-Präsident stieg Lombardi auch in den Kampf um eine zweite Tunnelröhre am Gotthard. Zuerst verlangte er in einem Postulat, dass der Bundesrat zusammen mit seinen Plänen zur Sanierung des alten Strassentunnels auch ein Konzept für den Bau einer zweiten Röhre vorlegte. Als dieser Bericht 2010 vorlag, in dem von einer dreijährigen Schliessung des alten Tunnels die Rede war, doppelte der Tessiner Staatsrat mit einer Motion für eine zweite Röhre nach. Zwischendurch weibelte er bei anderen Politikern dafür.

Lange kämpfte die Auto- und Lastwagenlobby aus der Deutschschweiz mit ihren Ausbauwünschen am Gotthard auf verlorenem Posten. Der Geschäftsleiter der Alpeninitiative, Alf Arnold, ist überzeugt, dass erst die Tessiner mit Ständerat Lombardi und dem «Scheinargument», ihr Kanton werde isoliert, für einen Stimmungsumschwung in der Politik sorgten. Selbst CVP-Präsident Christophe Darbellay ist beeindruckt. «Sein Vater war der Ingenieur des Strassentunnels durch den Gotthard. Und Filippo Lombardi ist der Architekt der zweiten Röhre.»

Das emotionale Argument, das zählte

Es sei schon eindrücklich gewesen, schwärmt Darbellay weiter, wie die Tessiner unter Führung Lombardis für diesen zweiten Tunnel Dampf machten. Jedes Mal, wenn er in den letzten Wochen im Tessin Politiker kontaktieren wollte, hätten die eine Sitzung zur zweiten Gotthardröhre abgehalten. Will sich Fillippo Lombardi wie Vater Giovanni mit einem Tunnel ein Denkmal setzen? «Ich muss keine Röhre bauen. Ich muss die Voraussetzung schaffen, dass andere bauen können», sagt er. Dafür hat er in den letzten zweieinhalb Jahren medienwirksam fast alle Register gezogen.

Zuerst war es der grosse Flächenverschleiss für die Verladeterminals während der Sanierungsphase, die er als unverhältnismässig ansah. Danach kritisierte er die Sicherheit in der alten Tunnelröhre. In den letzten Wochen waren es dann vor allem die Einbussen für Wirtschaft und Tourismus des Tessins während der dreijährigen sanierungsbedingten Sperrung des alten Tunnels. Dabei war stets auch von der Isolierung des Südkantons die Rede, ein emotionales Argument, das besonders stach.

Mehrere Verkehrsverbindungen in den Norden

Dass der Südkanton zum Zeitpunkt der Tunnelsanierung (2020/2025) durch zwei Bahnverbindungen von Norden nach Süden und eine Passstrasse mit der übrigen Schweiz verbunden ist, strich Lombardi nie sonderlich hervor. Der Kanton Wallis, ein Tourismuskanton wie das Tessin, ist mit der Deutschschweiz nach Norden durch einen Autoverlad am Lötschberg verknüpft. Und für die Durchfahrt muss man erst noch zahlen. «Die Walliser müssen selber wissen, mit was sie zufrieden sind», sagt Lombardi dazu. Er kämpft für den Gotthardtunnel, «eine Hauptarterie für den Kanton Tessin».

Heute komme es auf dieser für den Südkanton zentralen Achse sehr häufig zu Verkehrsbehinderungen und Staus wegen Pannen. Worüber sich auch Lombardi als Autofahrer selber ärgert. Denn es gebe etwa gegen 300 solcher kleinen Pannen im Jahr. Seit drei Jahren ist er nach eigener Darstellung wieder mit dem Auto unterwegs, obwohl er vor einigen Jahren, nach Urteilen wegen Tempoüberschreitungen und Alkohol, hoch und heilig versprach, den Fahrausweis abzugeben.

Dass er Versprechen brach, nimmt ihm keiner übel

Er reagiert leicht gereizt, wenn man ihn darauf anspricht. Das sei in jeder Zeitung gestanden, dass er wieder Auto fahre. Dass er sein einstiges Versprechen gebrochen hat, nimmt ihm im Tessin eh keiner übel. Spätestens seit er versucht, den HC Ambri Piotta vor dem Untergang zu retten, verehren sie ihn in der Leventina wie einen Säulenheiligen. Bei den Ständeratswahlen erzielte er wohl auch deswegen eines der besten Resultate aller Zeiten. Und sollte gegen 2030 tatsächlich die zweite Röhre befahren werden (Lombardi will alles tun, um das noch zu erleben), steigt er wohl definitiv als Halbgott in den Olymp auf.(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Von Hubert Mooser. Aktualisiert am 29.06.2012