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Der Ständeratspräsident Filippo Lombardi zieht nach der ersten Hälfte seiner Amtszeit im Ständerat Bilanz. Im Interview mit “persönlich” spricht der Tessiner Medienunternehmer über Freunde und Feinde im Bundeshaus, die Online-Stratgie der SRG sowie deren Rolle im italienischsprachigen Teil der Schweiz: “Das wirtschaftliche Hauptproblem für alle Schweizer elektronischen Medien ist die dominante Rolle der SRG, die alle preislich immer unterbieten kann.” Das Interview:

Herr Lombardi, als Ständeratspräsident haben Sie bald die Hälfte Ihrer Amtszeit hinter sich. Zeit für eine erste Bilanz.
Alles ist vergänglich. Aber es ist eine tolle und einzigartige Erfahrung! Beim Ständerat handelt es sich um den exklusivsten und bestqualifizierten Private Club der Schweiz, der lediglich 46 Mitglieder hat.

Schade ist nur, dass die Ständeräte nicht zählen können.
Diese Behauptung ist falsch. Unsere Stimmenzähler hatten nur einmal ein vermutliches Problem mit einer nicht gezählten Stimme (was aber nicht bewiesen werden konnte) und machten bei der Wiederholung der Abstimmung einen nachweisbaren Fehler bei der Summe der zwei Hälften des Saals. Mehr nicht, aber das wurde von einzelnen Medien sofort hochgeschaukelt, weil sie Druck für die Einführung der elektronischen Stimmabgabe machen wollten. Ich fand die Berichterstattung über die angebliche “Dunkelkammer Ständerat” ungerecht, weil damit unsere seriöse Arbeitsweise infrage gestellt wurde. Dies sind aber Tempi passati. Man hat mir jetzt einen Zählrahmen mit genau 46 Kugeln geschenkt, welcher nach den einzelnen Parteien aufgeteilt ist und die Zählerei wesentlich vereinfachen soll (lacht).

Aber Sie kennen als Medienunternehmer und Journalist die Mechanismen der Medien.
Ja, gerade deswegen ärgere ich mich. Nach meiner Meinung müssen auch die Medien gewisse ethische Grundsätze einhalten, nicht nur die Politiker. Doch dies ist leider nicht immer der Fall. Gerade in Bern werden Ereignisse so gedreht und hochstilisiert, dass sie längst nicht mehr der Substanz der Sachen entsprechen, was für unsere Demokratie schädlich wird. Damit habe ich manchmal Mühe, aber ich habe gelernt, es zu ertragen.

Als Ständerat sind Sie karrieremässig auf dem Höhepunkt angekommen.
(Lacht.) Vielleicht wird das Amt des Papstes bald wieder frei.

Sie haben nicht nur Freunde, sondern auch Feinde. Wer sind diese?
Nur ein Genie, ein Heiliger oder aber ein Wischiwaschi-Politiker kann überall beliebt sein. Ich bin weder das eine noch das andere. Steht man in dieser Zwischenposition, wird man angreifbar, weil man menschlich ist, weil man sich mit Herzblut einsetzt und immer Stellung beziehen will und damit unvermeidbar auch Fehler macht.

Sie weichen aus.
Wenn Sie die Zeitungen genau lesen, erkennen Sie meine Kritiker.

Aber im Tessin scheinen Sie keine Gegner zu haben. Dort werden Sie wie ein Popstar gefeiert.
(Lacht.) Nein, nein, so extrem ist es auch nicht. Lediglich die Hälfte der Tessiner hat bei den letzten Wahlen für mich gestimmt. Es bleibt also noch ein Wachstumspotenzial von etwa hundert Prozent! Trotzdem – und das sage ich nicht ohne Stolz – bin ich der bestgewählte Tessiner Parlamentarier der letzten Jahrzehnte.

Sie sind aber auch der grösste Medienunternehmer des Tessins, der an einer Fernsehstation, einem Radiosender, einer Internetplattform und einer Tageszeitung mitbeteiligt ist. Wie lebt man als “Berlusconi des Tessins”?
Ich ärgere mich allmählich über dieses Attribut, das nur noch von schlecht informierten Leuten weiterverbreitet wird. Diejenigen, die mich kennen, wissen, dass ich die Berlusconi-Methode nie angewendet habe, da ich immer wusste, welchen Hut ich gerade trage. Zum Beispiel: Als Tessiner Ständerat vertrete ich die Interessen meines Heimatkantons in Bern, aber als Schweizer Politiker muss ich für das Gemeinwohl der ganzen Schweiz kämpfen. Als Parteimann nehme ich die Interessen meiner Partei wahr, als Präsident von Ambri-Piotta habe ich die Anliegen meines Eishockeyclubs im Auge und so weiter.
Und selbstverständlich, als Medienunternehmer stehe ich für meine Medien gerade. Sie für irgendwelche andere Zwecke – seien es politische oder sportliche oder andere – zu missbrauchen, wäre für sie tödlich! Ich habe es nie getan, deswegen konnten sie sich entwickeln trotz harten Wettbewerbs. Meine Journalisten schätzen es seit bald 26 Jahren, dass ich mich nie nach ihrem Parteibuch erkundigt und ihnen die Linie auch nie diktiert habe.

Frage an den Unternehmer Lombardi: Was bereitet Ihnen momentan am meisten Bauchweh?
Die wirtschaftliche Situation ist im Tessin ungleich schwieriger als in der Restschweiz, da wir viel kleiner sind und an der problematischen italienischen Grenze liegen. Das wirtschaftliche Hauptproblem für alle Schweizer elektronischen Medien bleibt aber die dominante Rolle der SRG, die alle preislich immer unterbieten kann.

Ist die SRG im Tessin zu stark?
Das Tessin hat 350’000 Einwohner, von denen mehr als 1’200 direkt oder indirekt für die SRG arbeiten. Dieses Verhältnis kann wohl zu denken geben, aber ich werde als Tessiner Politiker niemals den Sprachausgleich der SRG kritisieren! Trotzdem ein kleines Zahlenbeispiel, um unsere Besonderheit zu illustrieren: Das Gesamtvolumen des Schweizer Medienmarkts ist drei- bis viermal grösser als dasjenige der SRG. In der italienischen Schweiz hingegen erwirtschaftet die SRG – dank der nationalen Empfangsgebühren – viermal mehr als alle privaten Medien zusammen: Radio, TV, Tagespresse, Wochen- und Sonntagszeitungen, Magazine, Internet usw. In diesem Fall ist die Konkurrenzsituation völlig verzerrt. Doch dies sage ich hier als Privatunternehmer, als Politiker habe ich wie gesagt nichts gegen den Sprachenausgleich.

Trotzdem, was ist falsch gelaufen?
Man hat bei der Gesetzgebung die wirtschaftlichen Konsequenzen einer starken SRG nicht berücksichtigen wollen. Ich hatte es signalisiert, aber das war ein “lokales Problem”, das man nicht per Gesetz regeln wollte. Die SRG kann auch Löhne zahlen, bei denen kein Privater mithalten kann. Es gibt wenigstens eine Art Gentlemen’s Agreement zwischen SRG und Privaten, wonach man sich in der Regel nicht unnötig wehtut. Die SRG könnte sich politisch auch keinen echten wirtschaftlichen Kampf im Tessin leisten. Aber die Spannung bleibt.

Sind Sie auch schon gegen die SRG angetreten?
Wäre ich jetzt ein Tessiner Berlusconi, würde ich dies bestimmt auf politischer Ebene machen. Doch dies wäre populistisch. Als Ständerat oder als Präsident von Ambri und weiteren Gesellschaften und Verbänden kann ich mich über die Berichterstattung der SRG nur selten beklagen. Es ist wichtig, die verschiedenen Ebenen zu trennen. Wie gesagt: Als Politiker begrüsse ich den Sprachenausgleich und befürworte sehr, dass mehr Mittel in die italienische Schweiz fliessen. Als Unternehmer hingegen macht mir die Konkurrenzsituation mit der SRG doch sehr zu schaffen.

Sie präsidieren auch noch den Dachverband der Schweizer Werbung. Wie stehen Sie zur Onlinestrategie der SRG?
Eine interessante Ausgangslage. Wir haben uns innerhalb unseres Vorstandes die Frage gestellt, ob Onlinewerbung bei der SRG für unsere Branche förderlich ist oder nicht. Einige Mitglieder votierten ganz klar dagegen. Gleichzeitig sollte man sich als Dachverband der Werbung für die grösstmögliche Werbefreiheit einsetzen. Aufgrund dieses Dilemmas haben wir uns bei dieser Frage sehr zurückgehalten.

Interview: Matthias Ackeret
Bilder: Marc Wetli

Das ganze ausführliche Interview lesen Sie im aktuellen “persönlich”-Heft.