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1. August Ansprache von Ständeratpräsidenten Filippo Lombardi, Rorschach

Liebe Mitbürgerinnen, liebe Mitbürger,

Sehr geehrter Herr Gemeindepräsident, lieber Kollege Thomas,

ich bin sehr froh und dankbar, heute die schöne Rorschacher Tradition des vorgezogenen Nationalfeiertages mit Ihnen erleben zu dürfen.

Wir sind erst am 31. Juli, und ich halte bereits meine vierte Erste-August-Rede dieses Jahres! Die drei ersten durfte ich in den letzten Tagen unseren Auslandschweizern in Uruguay, Argentinien und Chile halten. Der eine oder andere Journalist wird wieder behaupten, ich reise zu viel… Nichtsdestotrotz möchte ich gerade mit dieser Erinnerung anfangen.

Ich habe nämlich in Montevideo, in Buenos Aires und in Santiago erzählt, ich würde heute abend in Rohrschach sprechen. Aus allen unseren Mitbürgern in diesen Städten und Ländern bringe ich ihnen also einen warmen Gruss der einfach heisst: Viva Suiza, viva Rohrschach, es lebe die Schweiz, es lebe Rorschach!

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Liebe Freunde!

Wenn man sieht, wie unsere 715‘000 Auslandschweizer an ihren Wurzeln immer noch fest halten, wie ihnen die Schweizer Identität am Herzen liegt, wie sie die Schweizer Werte mit Stolz in der ganzen Welt vertreten, wie sie die Jungbürgerfeiern in unseren Botschaften miterleben,  versteht man dass die Schweiz weltweit über ein enormes Potential verfügt!

Wir sagen immer: jeder Auslandschweizer ist ein kleiner Botschafter unseres Landes, und es stimmt! Wir müssen nur fähig sein, dieses Potential zu Gunsten unseres Landes zu nützen!

Auch deswegen sind wir gerade jetzt im Parlament dran, erstmals ein Auslandschweizer Gesetz zu schreiben. Ein Gesetz, das diese Gemeinschaft endlich klar definiert, mir Rechten und Pflichten, mit Information und Dienstleistungen, mit Stimmrecht und konsularischem Schutz, mit Massnahmen für die einzelne Bürger wie für die juristischen Personen.

Aber es gibt nicht nur die Auslandschweizer: einmal mehr, durfte ich in dieser Reise feststellen, wie gross das allgemeine Ansehen der Schweiz im Ausland ist. Und dies betrifft die Politik und die Institutionen genauso wie unsere Wirtschaft und unsere Sozialleistungen, unsere Lebensqualität wie unsere Natur und unser Umweltbewusstsein.

Die wenigen sind neidisch und werden uns gegenüber aggressiv: es sind meistens Politiker die ihre Hausaufgaben zugunsten ihrer eigenen Bevölkerung nicht machen wollen, oder Journalisten die gerne ein bisschen Stimmung gegen die Schweiz machen. Aber die grosse Mehrheit der Menschen, in allen Ländern, bewundert uns und schätzt die Schweiz enorm.

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Wenn wir nur ein wenig selbstbewusster wären, wenn wir unser Glück nur verstünden, würden wir uns vielleicht weniger beklagen, würden wir mutiger antreten, würden wir auch unsere Karten in der Welt besser spielen und unseren Interesse effizienter vertreten. Und, wer weiss, würden auch unsere Journalisten ein bisschen positiver über die Schweiz berichten… Die Schweizer Bürger hätten dann ein wenig mehr Vertrauen in ihren Institutionen, die viel besser sind als was man zu oft denkt, sagt und schreibt.

Perfekt sind wir Schweizer sicherlich nicht: das zu glauben ist manchmal der andere Fehler den wir leichtfertig machen. Wir können und müssen immer noch besser werden! Aber man möge ein bisschen mehr ins Ausland reisen, um zu verstehen was Ineffizienz, Bürokratie, Misswirtschaft, Ungleichheit, Diskriminierung, Umweltausbeutung, Steuerüberlastung, Staatsverschuldung und Korruption wirklich bedeuten.

Dann würde man die Schweiz sofort wieder in Ordnung finden, wie eben viele Ausländer und Auslandschweizer es tun.

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Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger!

Zu oft geben wir den Eindruck, an uns selbst ungenügend zu glauben, und deswegen auch viel zu einfach nachzugeben, oder sogar uns bei den ersten Schwierigkeiten zu ergeben.

Doch genau das Gegenteil haben unsere Vorväter getan! Fragen wir uns einmal: wäre die Schweiz 1291 überhaupt entstanden, wenn die Herren Walter Fürst, Werner Stauffacher und Arnold von Melchtal so faul wie manche heutige Schweizer sich verhalten hätten? Und hätte die Schweiz die sieben Jahrhunderte ihrer Geschichte mit dem heutigen dominierenden Negativismus überstanden?

Höchstwahrscheinlich nicht. Unter diesen Bedingungen hätten die Habsburg – und die Gessler – hierzulande dominiert, und die Schweiz wäre heute schön zwischen Deutschland, Frankreich, Italien und Österreich verteilt.

Dass unsere sogenannte „Willensnation“ entstehen und sich in der Geschichte behaupten konnte, hängt nicht an einem Zufall. Es ist das Ergebnis des Willens eines Volkes, des Selbstbewusstseins und des Selbstvertrauen von Generationen freier und stolzer Menschen. Menschen die trotz unterschiedlicher Sprachen und Religionen, immer wieder gemeinsam zu kämpfen bereit waren, die fähig waren sich gegen den Druck vom aussen zu wehren und sich zuhause für das Gemeinwohl einzusetzen, die nicht scheuerten alles zu riskieren um ihre Unabhängigkeit zu behaupten.

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Genau das müssen wir heute mehr als je tun. Die Schweiz steht unter Druck, das kann man nicht bestreiten. Sie steht im Steuerstreit mit einigen mächtigen Nachbarländern, was sich wahrscheinlich nur mit einigen Kosten lösen lässt. Sie erlebt eine neue Phase der Einwanderung die sie nicht immer wohlwollend akzeptiert. Und sie ist mit einigen Grenzproblemen konfrontiert: als Tessiner kann ich ihnen sagen, liebe Rohrschacher, das die Südflanke noch mehr daran leidet als die Nordflanke unseres Landes.

Vielmehr steht aber die Schweiz im Visier der Zentralisten der Europäischen Union, die unseren Sonderfall nicht mehr dulden, die unsere direkte Demokratie und unseren Föderalismus für einen Anachronismus halten, die den bilateralen Weg sogar für tot bereits erklärt haben. Ohne, nota bene, eine konsequente und konsenzfähige Alternative vorzuschlagen.

Darüber hinaus, hat die Schweiz sich im internationalen Wettbewerb immer noch zu schlagen, ihre Innovationskraft ständig zu erneuern, die Frankenstärke zu dämpfen, ihre Reindustralisierung weiterzuführen, ihre Kosten unter Kontrolle zu halten.

Und sie muss ihre eigene Hausaufgaben tun, vielleicht mit unpopulären Reformen im Gesundheits- und Sozialwesen, mit einer teuren Energiewende die noch gar nicht vollzogen ist, mit einer neuen und solidarischen Infrastrukturfinanzierung die auf einem zum Teil unverständlichen wiederstand stosst. Und dies noch unter dem Druck einer unnötigen Polarisierung der politischen Kräfte, die mir der traditionellen Konkordanzpolitik der Schweiz im krassen Widerspruch steht.

Wir wissen also, dass uns keine einfachen Zeiten, innen- wie aussenpolitisch, erwarten. Aber eben: wir wissen auch, dass wir viele Standortvorteile geniessen. Und viel mehr wissen wir, dass wir die innere Kraft haben – wenn wir es wirklich wollen – um all dies zu meistern.

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Liebe Rorschacher!

Die Herausforderungen sind für die heutige Schweiz nicht kleiner als in der Geschichte. Und wir sind immer noch ein kleines Land, das wissen wir. Wir brauchen aber nicht unbedingt klein zu denken, und kleinkariert zu handeln! Um diese Herausforderungen wettzumachen brauchen wir nur an uns selbst zu glauben, wie viele andere in der Welt an unser Modell glauben.

Seien wir stolz und mutig, wie unsere Vorväter! Setzen wir uns im Alltag für unser Land ein! Beklagen wir uns weniger, und tragen wir mehr bei! Die Schweiz hat noch viele schöne Seiten zu schreiben. Machen wir mit!

Es lebe Rorschach, es lebe die Schweiz!