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Mehr Gehör für den Südkanton

Peter Jankovsky

Genugtuung herrscht im helvetischen Süden. Mit CVP-Mann Filippo Lombardi ist nach 25 Jahren wieder ein Tessiner zum Präsidenten des Ständerats gewählt worden. Man hofft, Lombardi werde der italienischen Schweiz und ihren Problemen – darbender Finanzsektor, zunehmende Flut von Grenzgängern, Lohndumping, hohe Arbeitslosigkeit – mehr Gehör im ganzen Lande verschaffen. Dies erscheint umso wichtiger, als die italienische Schweiz seit dem Rücktritt des Christlichdemokraten Flavio Cotti 1999 nicht mehr im Bundesrat vertreten ist und sich von Bern vernachlässigt fühlt.

Blickt man in der Tessiner Geschichte zurück, so fallen die dreizehn Jahre ohne Bundesrat nicht aus dem Rahmen des Üblichen. Dennoch sind die Tessiner frustriert, weil die Landesparteien denjenigen Artikel in der Bundesverfassung, der eine angemessene Vertretung der Sprachregionen im Bundesrat fordert, aus wahltaktischen Gründen kaum mehr berücksichtigen. Daher neigen die Tessiner immer stärker dazu, sich auf die kantonalen Angelegenheiten zu konzentrieren. Hinzu kommt eine gewisse Unlust, berufliche Chancen ausserhalb des Heimatkantons zu ergreifen, zum Beispiel in der Bundesverwaltung. Dabei wären gerade Staatssekretäre und Bundesräte italienischer Muttersprache bei Verhandlungen mit Italien, dem zweitwichtigsten Handelspartner der Schweiz, von Vorteil.

Lombardi rückt ins Scheinwerferlicht

Als konföderalste Schweizer erweisen sich die Tessiner: Sie haben gute Kenntnisse dreier Landessprachen, und ihr nationales Bewusstsein orientiert sich an Institutionen des Bundes, welche die Landesteile miteinander verbinden – wie der Bahn, der Post und der Armee. Die «Ticinesi» könnten also als föderalistische Brückenbauer fungieren, wenn sie ausserhalb ihres Heimatkantons auftreten. So wie Filippo Lombardi: Er gehört zu den wenigen Tessinern, die auf nationaler Bühne agieren und sich dabei Gehör zu verschaffen wissen. Denn zwei andere überzeugende Persönlichkeiten, der ehemalige Präsident der FDP Schweiz Fulvio Pelli sowie Ex-Ständerat und Parteikollege Dick Marty, ziehen sich bald von der nationalen Bühne zurück oder haben es bereits getan. Es bleibt der ehemalige langjährige Tessiner Nationalrat Fabio Abate (fdp.), der nun mit Lombardi im Stöckli politisiert, während sich die anderen Tessiner Politikerinnen und Politiker im Nationalrat erst noch nachhaltiger profilieren müssen.

Seit dreizehn Jahren agiert der begabte Kommunikator, Netzwerker und Taktierer Lombardi im Stöckli. Stets hat er sich für die Belange der italienischen Schweiz eingesetzt – aber noch viel mehr für nationale, was seine Mitgliedschaft in zahlreichen parlamentarischen Kommissionen und Delegationen bezeugt. Zudem legt Lombardi ein eloquentes Deutsch an den Tag: Das kommt ihm in der Fernseh-«Arena» zugute und beschert ihm Pluspunkte bei der Bevölkerung nördlich des Gotthards.

Hoffnung auf Gegenseitigkeit

Leichtfüssig überwindet Lombardi den Polenta-Graben – und kann so auf den Effekt der Gegenseitigkeit hoffen. Denn ein Tessiner, der sich für den Deutschschweizer Landesteil interessiert und vielleicht sogar Schweizerdeutsch spricht, animiert die Deutschschweizer dazu, sich fürs Tessin, für dessen Sprache und auch Politiker zu interessieren. Während die Romands ihre Interessen gegenüber der deutschsprachigen Mehrheit verteidigen und die lateinische Solidarität bei ihnen meist ein Lippenbekenntnis bleibt, ist der Südkanton den Deutschschweizern viel näher. Nicht nur touristisch, sondern auch emotional sowie im Hinblick auf das Stimmverhalten.

Deutschschweizer Vorbilder bei der Überwindung des Polenta-Grabens gibt es, und sogar prominente: beispielsweise der frühere FDP-Bundesrat Kaspar Villiger, der im Tessiner Fernsehen in fliessendem Italienisch Red und Antwort stand und so die konföderalen Bande stärkte. Auch Bundesrätin Doris Leuthard (cvp.) parliert charmant in der dritten Schweizer Amtssprache, und SVP-Nationalrat Hans Fehr zeigt sich ohnehin vorbildlich.

Das Tessin ist nicht allein, dem schwindenden konföderalen Bewusstsein zum Trotz, und Lombardi ist ein beinahe idealer Bannerträger des Südkantons. Allerdings muss er abwägen, wie die Politikerkollegen in Bern seine langjährigen guten Beziehungen zur rechtspopulistischen Lega dei Ticinesi beurteilen. Denn die Vereinigung Bel Ticino, die gegen die persönlichkeitsverletzende Mache der Lega-Zeitung «Il Mattino» ankämpft, hat den Bundesparlamentariern eine Mappe mit «Mattino»-Titelseiten zugestellt, um die Degenerierung des politischen Diskurses im Tessin zu illustrieren. Nahmen etliche Politiker auf Kolportage-Wegen das Säbelrasseln der Lega bisher belustigt zur Kenntnis, scheint es sie nun nachdenklich zu stimmen.

Mit dem richtigen Verhalten verschafft Lombardi der italienischen Schweiz landesweit mehr Gehör – und trägt wesentlich dazu bei, dass der Weg für einen Tessiner Bundesrat bereitet wird.

29. November 2012, 06:00 NZZ