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Volketswil – 1. August 2014 – Ansprache von SR Filippo Lombardi 

 

Identität, Mehrsprachigkeit, Neutralität und Demokratie

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,

Es scheint immer schwieriger zu sein, am 1. August eine Rede zu halten, ohne Banalitäten zu wiederholen. Und das betrifft auch diejenige, die krampfhaft versuchen, „alternativ“ zu sein!

Wenn aber die Schweizerinnen und Schweizer immer noch Freude haben, am 1. August zusammenzukommen, ist es nicht, um irgendeinen Bratwurst-Abend zu verbringen. Es ist vielmehr, weil sie immer noch ihre Heimat lieben und Freude daran haben, sich als Schweizer Bürger zu treffen. Nur einmal im Jahr vielleicht, aber dadurch unterstreichen sie ihre Identität, ihre gemeinsamen Wurzeln und denken sie einen kurzen Augenblick auch über ihre gemeinsame Zukunft.

Der 1. August dient aber auch dazu, Solidarität für Miteidgenossen, die sich in Schwierigkeiten befinden: dieses Jahr wollen wir einen speziellen Gedanken an alle Schweizer zu widmen, die in den letzten Tagen vom schweren Unwetter befallen worden sind.

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Was hingegen unsere Identität angeht, liebe Freunde aus Volketswil, habt Ihr dieses Jahr gut gewählt, in dem Sie einen Vertreter der Italienischen Schweiz als Redner eingeladen haben. Somit unterstreichen Sie eindeutig die Mehrsprachigkeit, eine wichtige Grundlage unserer föderalistischen und vielfältigen Schweiz, ein Land das wie kein anderes die Minderheiten respektiert und das Verständnis unterschiedlicher Kulturen pflegt.

Und dem ist gut so! Es gibt nämlich heute zu viele Zeichen, in der nationalen wie in der internationalen Politik, dass alte Dämonen wieder ins Leben gerufen werden. In der Schweiz begnügen wir uns im Augenblick noch damit, die Minderheiten ein bisschen zu benachteiligen bei den Chefposten in der Bundesverwaltung oder in der Ausbildung, wo in einigen Kantonen die Nationalsprachen dem Englischen weichen mussten. Obwohl wir nicht möchten, dass unsere Landesteile künftig sich auf Englisch verständigen müssten.

In anderen Ländern ist es schlimmer. In der Europäischen Union etwa, wo in einer etwa stolpernden Art versucht wird, Staaten von oben nach unten zusammenzuführen, haben sich die starken Stimmen der unterdrückten Minderheiten erhoben, die nach Unabhängigkeit rufen. Die bevorstehenden Referendum für die Unabhängigkeit von Katalonien und Schottland sind nur ein Beispiel davon, und werden uns bald sagen, wohin diese Tendenz führen kann. Sogar die Hauptstadt Europas befindet sich in einem Land, Belgien, das seit Jahrzenten wegen des Sprachenkonfliktes blockiert ist.

Leider gibt es noch viel Schlimmeres, wenn wir an die Ukraine denken, die von einem Bürgerkrieg aufgrund eines Sprachen- und Kulturstreites zerrissen wird. Vor einem Jahr habe ich dieses Land besucht, und niemand hätte an einer solchen Eskalation auch nur im weitesten denken können. Diese Tragödie hätte man vermeiden können, wenn man nur gewollt hätte, rechtzeitig die Problematik mit dem Schweizer Toleranzprinzip anzugehen. Ich denke, dass wir hier und heute – währendem wir unsere nationale Einheit feiern – auch an allen unschuldigen Opfern dieses Krieges mitten in Europa gedenken sollten.

 

 

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger: diese und viel andere Beispiele zeigen uns eindeutig, wie hoch wir unser Mehrsprachigkeit schätzen müssen, weil sie die Grundlage der Einheit unseres Landes ist. Wir dürfen nie vergessen, keiner unter uns, dass wir diese Mehrsprachigkeit ausleben müssen, in unseren täglichen Gesten, in der Aufmerksamkeit, die wir den Kulturen schenken, die unsere Eidgenossenschaft ausmachen. Wir müssen diese Vielfalt an Kulturen und Sprachen entschlossen gegen alle Angriffe von aussen und von innen beschützen

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Aber, liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, die Schweizer Identität besteht auch aus ihrer Unabhängigkeit, Selbstbestimmung und Neutralität. Es ist gang und gäbe, dies am 1. August zu sagen. Aber wir müssen es in diesen schwierigen Zeiten betonen, in welchen die Schweiz, ihre Institutionen, ihre Wirtschaft und ihr Finanzplatz aus verschiedenen Seiten angegriffen und unter Druck gesetzt werden.

Wir verstehen natürlich das allgemeine Gefühl unserer Leute von Frustration, Enttäuschung, zeitweise Wut gegen Länder die wir bis anhin als befreundet betrachtet haben.

Aber wie immer ist die Wut ein schlechter Ratgeber. In diesem Sinne, auch wenn wir zurecht unseren Wirtschaftsstandort und Finanzplatz von unbegründeten Angriffen schützen, müssen wir die Sanktionen annehmen, gegen Institute, die wissentlich Gesetze anderer Länder verletzt haben.

Noch mehr ist es richtig und nobel, Europa an unsere Souveränität zu erinnern. An die Vielfältigkeit einer neutralen und föderalistischen Schweiz und an seiner direkten Demokratie. Es ist aber auch richtig, den Weg, den das vereinigte Europa unternommen hat, zu erkennen. Wir haben Anrecht auf Respekt und müssen es fordern. Wir schulden aber auch unsererseits den anderen den gleichen Respekt.

Die Politik des dauernden Verdachtes, der Polemik und der beleidigenden Aussagen tragen nicht gerade dazu bei. Sie sind noch minder gerechtfertigt, wenn sie in erster Linie dazu benutzt werden, innenpolitischen Wahlkampf zu führen.

Hingegen: die dauernde Suche nach Dialog und Kompromiss im gegenseitigen Respekt ist ein bewährtes Schweizer Rezept. Es ist die Grundlage auf welche der Weg unseres Landes in die Zukunft gesichert werden soll. Ein Land, das sicherlich nicht bereit ist, der Europäischen Union beizutreten, aber die Isolation vermeiden soll, wenn es seinem wirtschaftlichen Erfolg kein Ende setzen will. Da ist und bleibt der bilaterale Weg unser royaler Weg. Andere konsensfähige gibt es nicht. Wir müssen es immer deutlich sagen, in der breiten Öffentlichkeit, in den Medien, in der Politik.

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Auch im internationalen Kontext wollen und müssen wir unsere Neutralität wahren. Die Grossmächte – unter denen auch die EU heute gerne spielen möchte – sind daran, ihre Machtverhältnisse auf verschiedenen Schachbrettern neu zu definieren, auch wenn diese in Richtung eines neuen kalten Krieges führen sollte. Sich nicht reinziehen zu lassen, oder das Mainstream Denken der einen oder der anderen Seite nicht übernehmen zu wollen, heisst bestimmt nicht, die Tragödien und die Tausenden unschuldigen zivilen Opfern auf den verschiedenen Fronten nicht sehen zu wollen.

Im Gegenteil: die Schweiz ist sich schuldig, so wie nie zuvor, sich selber treu zu sein. Ihre Rolle liegt darin, die Opfer auf dem Felde zu unterstützen und als aktiver Mediator zwischen den Konfliktparteien zu vermitteln. In dieser Rolle macht die Schweiz den Unterschied. Genau das hat die Schweiz erfolgreich im Laufe ihrer langen Geschichte und noch vor Kurzen getan. Die Konfliktparteien an einem Verhandlungstisch zu bringen und die Diplomatie anstelle der Waffen sprechen zu lassen: diese ist unsere fast exklusive Rolle. Umso mehr, dass wir dieses Jahr die Präsidentschaft der OSCE innehaben. Eine internationale Organisation, die unbedingt gestärkt werden muss, im Dienst des Friedens.

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Die Schweizer Identität kommt schliesslich auch durch eine lebendige Demokratie zum Ausdruck. Sie ist nicht, so wie viele es heute deuten wollen, eine plebiszitäre Demokratie, in welcher wer besser die Bevölkerung durch kurzfristige Emotionen bewegen kann, immer gewinnt und Recht hat. Im Gegenteil, das Geheimnis des Erfolges der Schweiz liegt auch in einem aufmerksamen und sorgfältigen Gleichgewicht zwischen der direkten und der indirekten Demokratie. Eine Demokratie, welche die Grundwerte unseres Landes und unseres Volkes, sowie die Menschenrechte, den Rechtsstaat und unsere internationalen Verpflichtungen respektiert.

Diese Werte zu unterstreichen bedeutet keinesfalls, die Volksrechte in Frage zu stellen. Es heisst hingegen, diese zu fördern und sie für die Zukunft zu sichern,  damit wir in keine Sackgasse gedrängt werden, die uns dann tatsächlich zwingen würde, unsere Institutionen zu revidieren und etwas viel wichtigeres zu verlieren, nämlich unseren Stolz, unsere Freiheit, unserer Identität und unsere Erfolge.

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Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger ! Danke, dass Sie den heutigen 1. August mit mir haben teilen wollen, einem Vertreter der dritten Schweiz. Danke dass Sie mit mir einen Augenblick lang über unsere Werte und unsere Zukunft haben nachdenken wollen. Danke vor allem, dass Sie Schweizer sind und dass Sie es bleiben wollen: mit Stolz, in Unabhängigkeit und Neutralität, im Föderalismus, in der Demokratie und in der Freiheit.

Wir werden in wenigen Minuten unsere Nationalhymne singen. Singen wir sie laut und klar, und sagen wir allen, dass wir sie lieben und dass wir keine neue brauchen!

Ein Hoch auf Volketswil, ein Hoch den Kantonen Zürich und Tessin. Es lebe die Schweiz!