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Der Streit um die zweite Röhre hat begonnen – er wird länger und erbitterter, als Gegner und Befürworter glauben.

In Göschenen sieht Markus Stadler (65) die Lastwagen vorbeidonnern. Der Urner Ständerat kämpft an vorderster Front gegen die zweite Röhre. Im Parlament wird er verlieren: Die Abstimmung am Mittwoch in einer Woche haben die Befürworter auf sicher. Der Kampf hat aber erst begonnen: «Das Bundeshaus will die zweite Röhre. Zur Politik gehört aber wesentlich mehr. Es wird sicher ein Referendum geben. Dann wird man sehen, was das Volk zu dieser Frage meint.»

In Airolo, am anderen Ende des Tunnels, steht Filippo Lombardi (58). Der Tessiner Ständerat ist der grosse Gewinner im Parlament. Die zweite Röhre ist für ihn ein Frage der Schweizer Einheit. «Wir dürfen einen

Landesteil nicht drei Jahre isolieren. Der bestehende Tunnel muss saniert werden, eine Schliessung ist unausweichlich.» Deshalb brauche es zuerst eine neue, zweite Röhre. Ohne diese drohe jahrelanger Ausweichverkehr über den ohnehin belasteten San Bernadino (siehe rechts) und die Passstrassen. «Das müssen wir verhindern.»

Die Gegner der zweiten Röhre wollen Autos und Lastwagen während der Sanierung auf die Bahn verladen. Das Tessin werde ohne zweite Röhre nicht abgeschnitten, sagt Stadler: «Es gibt Ersatzmassnahmen. Auch der Bundesrat war ursprünglich für eine solche Lösung.» Für Lombardi ist das keine Option: «Hier geht es um Vernunft. Eine Verladelösung kostet eine Mil­liarde – und wird nachher wieder demontiert. Bei der nächsten Sanierung in 40 Jahren müssen wir sie wieder aufstellen.»

Der Urner Markus Stadler sieht die Bevölkerung auf seiner Seite. Das Volk lehnte vor zehn Jahren den Avanti-Gegenvorschlag und damit einen Gotthardausbau ab. Die Urner haben sich bereits fünf Mal gegen die zweite Röhre ausgesprochen, der Alpenschutzartikel wurde hier geboren. Und diesen sehen die Alpenschützer in Gefahr. Sie befürchten, dass der Bundesrat sein Versprechen, beide Tunnels nur einspurig zu befahren, nicht halten kann. Staatsrechtler teilen die Bedenken (siehe unten). Stadler ergänzt: «Das ist, wie wenn man ein Schulhaus mit  vier Stockwerken baut – und die oberen zwei dürfen nicht genutzt werden.» Eine zweite Röhre wäre ein fatales Signal an die EU, «dass wir jetzt auch nicht mehr auf die Bahn setzen, sondern auf die Strasse».

Alpenschutz, VCS, Grüne, Grünliberale und SP haben das Referendum angekündigt. Die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren, bereits im Januar müssen die Unterschriftenbögen eingereicht sein. Und schon jetzt zeichnet sich ein harter Abstimmungskampf ab. Denn das Volk wird aller Voraussicht nach frühestens 2016 abstimmen können. Wegen der Wahlen im nächsten Jahr bleibt nur noch der Abstimmungstermin im Juni, und da wird es eng. Im Parlament sind acht Initiativen hängig, die vors Volk müssen.

Ein später Abstimmungstermin würde den Bau der zweiten Röhre verzögern. Und das könnte Auswirkungen auf die Notsanierung haben, die schon in ein paar Jahren nötig wird – noch vor der eigentlichen Sanierung. Grünen-Politikerin Regula Rytz (52): «Der heutige Tunnel müsste länger betrieben werden und das bedeutet eine intensivere Notsanierung. Das Tessin wäre noch länger abgeschnitten.»

Das könnte den Gegnern einer zweiten Röhre Auftrieb verleihen – denn nur mit einer Verladelösung wäre das Tessin bei der Notsanierung nicht abgeschnitten.

Sonntagsblick, 14.9.2014