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Der Vollendung des neuen Stadions in Ambrì – des erstaunlichsten Bauwerkes seit den Pyramiden – steht nun nichts mehr im Wege. Eine der wundersamsten Geschichten des Schweizer Hockeys.

Klaus Zaugg

Nur noch ein Wiehern des Amtsschimmels könnte jetzt zu einer Verzögerung führen. Aber Angelo Giannini, Kommunikationsdirektor der Valascia Immobilen AG sagt: «Die Einsprachefrist gegen den Stadionbau ist nun abgelaufen. Soviel wir wissen, gibt es keine Einsprachen.» Somit braucht es nur noch das Okay der kantonalen Bauverwaltung – doch die ist, wenn keine Einsprachen vorliegen, bloss eine Formalität. Und deshalb sagt Angelo Giannini: «Wir sind zuversichtlich, dass wir Ende Jahr die definitive Baubewilligung haben. Dann wird das Stadion im Herbst 2018 zum Saisonstart fertig sein.»

Es ist ein Wunder, das von den Deutschschweizern zu wenig gewürdigt wird. Der Weltfussballverband (FIFA) und der Welteishockeyverband (IIHF) haben ihren Sitz in Zürich. Weshalb Zürich zumindest politisch die Welthauptstadt des Fussballs und des Eishockeys ist. Aber in Zürich gibt es kein Fussball- und kein Hockeystadion. Bloss eine verunglückte Kombination aus Leichtathletik- und Fussballarena und das multifunktionelle Hallenstadion.

In Quinto aber, im kargen Bergtal der Leventina, dem Tibet der Schweiz, wird auf dem Terrain des einstigen Militärflughafens auf gut 1000 Meter über dem Meeresspiegel ein reines Hockeystadion gebaut. Da werden aus Schwertern nicht Pflugscharen, sondern Hockeystöcke. Dass hier ein neues Hockeystadion gebaut wird, ist ein ähnliches Wunder wie der Bau der Pyramiden.

 Die Gemeinde Quinto zählt 1046 Einwohner. Die Dörfer Quinto, Ambrì, Piotta, Scruengo, Varenzo, Ronco, Lurengo, Deggio und Altanca bilden die Gemeinde Quinto. Der Militärflughafen wurde während des Zweiten Weltkrieges gebaut. Die Armee zog sich ins Reduit (in den Alpenraum) zurück und brauchte deshalb neue Flugplätze innerhalb des Reduits. 1996 ist die Anlage ausgemustert worden und wird seither zivil genutzt.

Rund 40 Millionen Franken kostet die neue Arena mit einem Fassungsvermögen von 6500 Zuschauern. 60 Prozent bringen private Investoren, 40 Prozent kommen von den Gemeinden, vom Kanton und vom Bund. Bauherrin (und später Besitzerin) ist die Valascia Immobilen AG. Die Aktienmehrheit hält der HC Ambrì-Piotta. Das Hockeyunternehmen ist also Besitzer des Stadions und bekommt damit neue wirtschaftliche Perspektiven. Einziger Schönheitsfehler: Es wird keine neue Autobahnausfahrt «Valascia» geben. Wer zur Hockeyandacht kommt, muss weiterhin die Ausfahrt «Quinto» benützen.

Alte Valascia in Lawinenzone

Die alte Valascia, 1959 erbaut, wird nach der Eröffnung des neuen Hockeytempels dem Erdboden gleichgemacht. Sie steht in einer Zone mit Lawinengefahr. Hier darf nicht mehr gebaut werden. Was den Vorteil hat, dass aus kantonalen Kassen etwas für den Umzug hinüber auf den Flugplatz bezahlt wird. Allenfalls wird ein kleines Denkmal an die alte Valascia erinnern. Für jeden Ambrì-Fan ein Terrain wie die Rütliwiese für den Eidgenossen.

Dass es Ambrì gelingt, eine neue Arena zu bauen, ist sichtbares Zeichen für das, was schon immer die Faszination dieses Hockeyunternehmens war: die tiefe Verwurzelung im Tessin. Ambrì spielt Eishockey, also sind wir. Das Beziehungsnetz der Männer von Ambrì ist tiefer und weiter gefächert als das Wurzelwerk eines fünfhundertjährigen Kastanienbaumes.

Ambrìs Angst vor den Bundesratswahlen

Seit jeher gilt für den wahren Tessiner: Es gibt den HC Ambrì-Piotta, also sind wir. Die politische Elite und das alte Geld garantieren das Überleben Ambrìs. Das neue Geld hingegen finanziert den HC Lugano, den politischen, kulturellen und sozialen Gegenentwurf zu Ambrì.

Der HC Ambrì-Piotta kann sich nun darauf konzentrieren, sich sportlich bis zur Eröffnung der neuen Arena in der NLA zu halten und finanziell «durchzuseuchen». Das müsste machbar sein. Die grössten Sorgen bereitet die nationale Politik. Inzwischen ist es durchaus möglich, dass Filippo Lombardi Bundesrats-Kandidat wird. Er ist Ambrìs Präsident, aber eben auch CVP-Ständerat und Fraktionschef.

Dieses charismatische «animal politique» orchestriert Ambrìs finanzielles Überleben in Zeiten der Not und den Bau des neuen Stadions. Wird er Bundesrat, braucht Ambrì einen neuen Präsidenten. Das ist fast so, wie wenn der HCD Arno Del Curto ersetzen müsste.

watson, 20.9.2015